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Interview mit Prof.in Ayami Ikeba

Vorständin des Institutes für Klavier an der Kunstuniversität Graz

O. Univ. Prof.in Ayami Ikeba


Interview am 20.04. 2016 

Liebe Frau Prof.in Ikeba, Sie sind Vorständin des Institutes für Klavier an der Kunstuniversität Graz. Als Sie Ende der Neunzigerjahre nach Graz gekommen sind - wie waren Ihre ersten Eindrücke von der Stadt?

Ikeba: Der erste Eindruck war: Graz ist gemütlich. Damals ist mir Graz nicht sehr innovativ vorgekommen - allerdings hatte es für mich fast italienisches Flair mit den schönen alten Gassen in der Stadt. Das ist schon etwas Besonderes. Damals gab es auch noch kein Kunsthaus - ein zeitgenössischer Bau, der für mich in dieses „alte Graz" nicht unbedingt passt. Das ist natürlich nur meine persönliche Meinung und mittlerweile wirkt der Bau schon interessant für die meisten Menschen. In Graz ist auch alles leicht und schnell erreichbar, anders als in Städten wie Wien. Und Graz gefällt mir auch besser als eine vergleichbare Stadt wie das sehr touristische Salzburg. 

Sie sind in Yokohama geboren, haben in München, Hannover und Warschau studiert. Welche dieser Städte lässt sich am ehesten mit Graz vergleichen?

Ikeba: Das sind total unterschiedliche Städte. Am ehesten würde ich von der Atmosphäre her noch München mit Graz vergleichen. Aber München hat sich in den letzten dreißig Jahren auch sehr verändert, ist modernisiert worden und mittlerweile eine richtige „Schicki-Micki-Stadt", in der die sprichwörtliche „bayrische Gemütlichkeit" nur mehr selten zu finden ist.            

Wie sind Sie denn auf Graz und die damalige Musikhochschule aufmerksam geworden?

Ikeba: Als Musikerin und Pianistin bewirbt man sich ganz einfach überall, wo es offene Stellen gibt. Der Beruf Musikerin ist nicht immer einfach und es gibt nicht viele passende Stellen. Als Stadt kannte ich Graz davor nicht, aber ich hatte zwei Kolleginnen, die aus Graz kamen.        

Nun leben Sie auch in dieser Stadt - wie geht es Ihnen hier im ganz normalen Alltagsleben?

Ikeba: Ich lebe in der Gegend um die Annenstraße. Den Bereich zwischen Bahnhof und Mur könnte man sicher lebenswerter gestalten. In vielen Städten ist der Weg vom Bahnhof zur Stadtmitte hin voll mit florierenden Geschäften und es herrscht reges Treiben.  Diese Lebendigkeit würde ich mir auch für die Annenstraße wünschen.

Ich finde auch schade, dass Graz, gerade im Vergleich zu anderen Städten, den Untergrund nicht nützt. Es gibt keine U-Bahn, kaum größere Unterführungen - und sogar beim neuen Weg zum Hauptbahnhof hat man auf große Unterführungen verzichtet. Ein großer Vorteil der Stadt sind natürlich die angenehm kurzen Wege, wodurch man sehr vieles zu Fuß oder auch mit dem Rad erledigen kann. Graz ist eine sehr schöne Stadt und besticht durch eine Atmosphäre ruhiger Gelassenheit.

Das kulturelle Angebot ist sehr gut, mehr kann man sich aber immer wünschen. Für einige spannende kulturelle Ereignisse muss ich jedoch nach Wien fahren, da Wien durch seinen langerworbenen Ruf in diesem Bereich und auch von der budgetären Situation her klar im Vorteil ist. Ein kleiner Wermutstropfen in Graz sind die vielen Rosskastanien. So schön diese Bäume sind, ich habe leider eine Allergie dagegen.          

Wie erleben Sie denn die Entwicklung der Kunstuniversität während der letzten Jahre?

Ikeba: Früher war die Kunstuniversität Graz sehr klein. Mittlerweile hat sich die Bekanntheit und Reputation beachtlich gesteigert und wir arbeiten intensiv daran, unseren Bekanntheitsgrad, auch im Vergleich zu Wien und Salzburg, international zu positionieren, da wir den Vergleich mit den noch bekannteren Häusern nicht zu scheuen brauchen. Eine Reihe von Maßnahmen, die bereits angelaufen sind bzw. in den nächsten Jahren umgesetzt werden, soll den Weg dahin ebnen. Zahlreiche neue, interessante Studienrichtungen sowie Kooperationen mit der TU Graz, der Karl-Franzens-Universität sowie dem Johann-Joseph-Fux-Konservatorium in Graz sind seit Beginn meiner Tätigkeit hinzugekommen und es werden auch an unserem Institut noch weitere Projekte angestrebt, um eine möglichst hochkarätige, praxisnahe Ausbildung zu ermöglichen. Nun studieren bereits etwa 1.700 junge Menschen an unserer Kunstuniversität. Bekannt ist Graz schon längere Zeit für seine Jazz-Abteilung und für die Ausbildungsangebote in zeitgenössischer Musik.

Ist die Zusammensetzung der Studierenden internationaler geworden in den letzten Jahren?

Ikeba: Ja, und das hängt in den Instrumentalstudien auch von den Lehrenden ab. Zur Kollegin aus der Ukraine kommen beispielsweise oft ukrainische Studierende. Das hängt einerseits mit der Bekanntheit der jeweiligen Lehrer zusammen und natürlich auch mit der Sprache. Das mischt sich dann wieder mit der Zeit. Ich unterrichte neben asiatischen und österreichischen Studierenden auch MusikerInnen aus Australien, Polen Ungarn, Serbien oder dem Iran.       

Wie gehen Sie mit diesen kulturellen Unterschieden im Klavierunterricht um?   

Ikeba: Im Rahmen des Klavierunterrichts ist das einfach, weil unsere musikalische Sprache eine internationale ist. Natürlich gibt es unterschiedliche Mentalitäten und Ausbildungen. Man merkt schon, wo jemand seine musikalische Ausbildung erhalten hat. Musik ist auch eine Sprache - und die Unterschiede in dieser Sprache muss man den Studierenden auch erklären und z.B. stilistische Fehler aufzeigen können. Letztlich werden  die MusikerInnen aber ihre eigene Sprache und Persönlichkeit entwickeln.   

Da sind natürlich künstlerisch-ästhetische Fragen auf höchstem Level zu klären. Die Kunstuniversität hat sich in den letzten Jahren sehr entwickelt und heutige Studierende sind vermehrt auch mit künstlerisch-wissenschaftlichen Fragen konfrontiert. Sehen Sie Probleme in der „Verwissenschaftlichung der Kunst"?

Ikeba: Wissenschaft ist der Objektivität bei der Wissenserschließung verpflichtet. Kunst beschäftigt sich mit subjektiver Erschließung ästhetischer Fragen. Rationalität steht da manchmal Emotionalität gegenüber. Als Künstler oder Künstlerin braucht man aber diesen Freiraum. Die wissenschaftlichen Aufgaben nehmen im Studium manchmal so überhand, dass die Studierenden zu wenig Zeit für ihre künstlerische Ausbildung haben. Auch das Unterrichten ist nicht nur praktisch künstlerisch zu betrachten, sondern ist auch Wissenschaft, weil es analytisches Denken fordert: Wie vermittle ich was bei welchem Schüler auf welche Weise? Hier muss analytisch gedacht werden, was aber erst dann möglich wird, wenn ich künstlerisch weit genug bin.    

Für Instrumentalstudierende ist das Unterrichten eine wesentliche Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Dabei stellt sich die spannende Frage, ob man dabei mehr Pädagogin sein muss oder mehr Künstlerin ...  

Ikeba: Zu allererst müssen sie selber gute Musiker sein, spielen und vortragen können - erst danach ist es sinnvoll, pädagogisch zu analysieren und dann kann man beginnen zu unterrichten. Die praktische Erfahrung ist beim Unterrichten sicher der wichtigste Faktor.

Welche Berufsmöglichkeiten sehen Sie noch für Absolventinnen und Absolventen von Instrumentalstudien?

Ikeba: Es gibt immer mehr Absolvierende und immer weniger Stellen durch die finanziellen Probleme, die auch die Kunstinstitutionen treffen. PianistInnen haben noch dazu das Problem, dass sie - anders als Streicher oder Bläser - keine regulären Anstellungen in Orchestern bekommen können. Wenn jemand nur beruflich Karriere machen will, kann ich unser Studium wirklich niemandem empfehlen. Nur, wenn jemand Kunst aus dem Innersten heraus absolut machen will und muss, dann ist das möglich. 

Speziell bei Klavier und Streichinstrumenten wie Geige oder Cello ist es auch ähnlich wie im Tennis, Ballett oder Eiskunstlauf - um hier etwas erreichen zu können, muss man schon als Kind damit beginnen und es muss einem bereits viel beigebracht worden sein. Es streben auch gar nicht alle unsere Studierenden eine künstlerische Solo-Karriere an, aber sie lieben eben das, was sie tun. Diese Menschen, die so konsequent dabei bleiben, bekommen auch etwas zurück. Und die AbsolventInnen, die ich unterrichtet habe, haben auch alle einen Beruf. Meistens im musikalisch-pädagogischen Bereichen oder auch als KorrepetitorIn, BegleiterIn oder DirigentIn. Ein künstlerisches Studium kann sich nicht in erster Linie an der praktischen Nützlichkeit orientieren.     

Das Musik- und Kunststudium als ästhetische Grundlagenforschung für eine Gesellschaft sozusagen ...

Ikeba: Genau, so kann man das sagen.

Sie sind selbst als Künstlerin aktiv und treten auf, sind als Lehrende tätig und haben als Instituts-Vorstand auch eine Verwaltungsfunktion. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsverhältnis, das diese unterschiedlichen Rollen mit sich bringt, um?

Ikeba: Ich mache mir da gar nicht sehr viele Gedanken. Das Auftreten auf der Bühne als Künstlerin habe ich von Kindesbeinen an gemacht, das ist etwas ganz Normales für mich und das gehört einfach dazu. Mittlerweile habe ich so viel zu tun, dass ich mir als Künstlerin schon aus Zeitgründen nur mehr die Rosinen herauspicken kann. Meine Arbeit als Institutsvorständin sehe ich auch weniger als Verwaltungstätigkeit, sondern vielmehr als Leitung einer Kollegin unter Kollegen.

Sie haben es mit sehr starken künstlerischen Persönlichkeiten und ganz unterschiedlichen Professoren-Kolleginnen und Kollegen zu tun. Funktioniert das immer reibungslos?

Ikeba: Diese Zusammenarbeit macht mir Freude. Das sind meine Kolleginnen und  Kollegen, manche kenne ich schon aus Studienzeiten. Die Zusammenarbeit an unserem Institut ist sehr freundschaftlich-kollegial.

Lassen Sie uns noch kurz über ihre eigene künstlerische Karriere sprechen - Ihr Name taucht sehr oft auch in Zusammenhang mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter auf, mit der Sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet ... 

Ikeba: Zu Proben mit ihr bin ich oft in München. Und Anne-Sophie betreibt auch eine Stiftung und vergibt Stipendien für junge Musikerinnen und Musiker aus aller Welt. Von ihr persönlich ausgewählte Stipendiatinnen und Stipendiaten werden nach ihren individuellen Bedürfnissen unterstützt. Nicht nur finanziell, sondern auch künstlerisch und menschlich. Das ist etwas, was ich großartig finde. Ich spiele immer wieder mit diesen hochbegabten jungen Musikern bei den Stiftungskonzerten. Die Duoabende mit Anne-Sophie sind natürlich immer eine Freude und ein musikalisch hochspannendes Erlebnis. Oft spielten wir Konzerte im Rahmen sehr interessanter Veranstaltungen, etwa bei der großen Eröffnungsfeier des „Shakespeare Theatre Company | Harman Center for the Arts" in Washington DC.   

Die Kunstuniversität Graz hat sich ja auch von der Infrastruktur her weiterentwickelt - das MUMUTH - Haus für Musik und Musiktheater - ist das markanteste sichtbare Zeichen für diese Entwicklung ...

Das Gebäude als solches ist schon interessant und sicherlich eine Bereicherung. Der Ligeti-Saal ist allerdings sehr dunkel und die künstliche Akustik ist nicht für alle Instrumente ideal. Ich denke, der Saal mit den vielen Regulierungsmöglichkeiten durch die künstliche Akustik ist eher für akustisch-wissenschaftliche Zwecke gedacht, er hat auch keine natürliche Akustik. Wenn sie dort selbst spielen, hören sie fast gar nichts, es kommt nichts zurück, fast wie in einem abgekapselten Raum. Für Big Bands soll der Raum aber bestens funktionieren.

Die meisten Musiker jedoch bevorzugen Räume mit natürlicher Akustik wie z.B. den Wiener Musikvereinssaal - der als einer der besten Konzertsäle der Welt gilt, eine ganz besondere Konstruktion mit einem Nachhall von 2 Sekunden. In diesem Saal schwebt die Musik und doch ist alles klar und wunderbar zu hören.

Nehmen Sie in den letzten Jahren auch wahr, dass sich die Alltagsgeräusche verändert haben, dass es lauter geworden ist?

Ikeba: Nein, in Graz jedenfalls nicht.

In welcher Weise kooperieren Sie mit den anderen Grazer Universitäten? 

Ikeba: Einerseits gibt es immer wieder Kooperationen mit der Karl-Franzens-Universität und andererseits auch mit der TU Graz, vor allem im Bereich der Tontechnik, Akustik und Wissenschaft. Es ist ja ganz grundsätzlich so, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen musikalisch interessiert sind. Das verbindet.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

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