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GSC - Graz Sientific Community Interviews

Medizinische Universität Graz © Stadt Graz / Harry Schiffer
Medizinische Universität Graz© Stadt Graz / Harry Schiffer

Nicht nur die Kunstschaffenden und Designer machen das aus, was man „Kreativwirtschaft" nennt; auch die Wissenschaftler und Forscher an den Universitäten und in den Unternehmen prägen das geistig-kreative Klima einer Stadt. Wir wollten nun wissen, wie Forscherinnen und Forscher „ihre Stadt" beurteilen - und zwar im internationalen Vergleich und auch als „Creative City" und „City of Design". In unserem Interviewreigen sind alle Universitäten sowie die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit insgesamt vier Spitzenforscherinnen und vier Spitzenforschern aus unterschiedlichen Alters- und Hierarchiestufen vertreten.

Die Gemeinsamkeit: Alle ForscherInnen verfügen über internationale Reputation, kommen aus dem Ausland und/oder waren auch im Ausland tätig und haben sich den „Außenblick auf Graz" durch internationale Vergleichsmöglichkeiten bewahrt. Und alle sind sie faszinierende Persönlichkeiten und Gesprächspartner: 

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Ausschnitt der Interviews:

"Man musss ein Rockstar sein, um zu überzeugen!"

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Interviews in voller Länge:

Prof. Rudolf Zechner (Karl-Franzens-Universität Graz)

Prof. Wolfgang Graier (Med Uni Graz)

Prof.in Christine Moissl-Eichinger (Med Uni Graz)

Prof. Johannes Khinast (TU Graz / RCPE)

Dr.in Eva Eggeling (Fraunhofer Austria / TU Graz)

Prof.in Ayami Ikeba (Kunstuniversität Graz)

Prof. Wolfgang Baumjohann (ÖAW)

Prof.in Veronika Schöpf (Karl-Franzens-Universität Graz)

Wir danken diesen Persönlichkeiten für die Zeit, die sie uns zur Verfügung gestellt haben, die offenen Gespräche und die sehr oft auch sehr überraschenden Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen konnten! Die Interviews stammen aus dem Jahr 2015.


Franz Zuckriegl ist Inhaber und Geschäftsführer der fz Strategie & Kommunikation KG. Zuckriegl kann auf mehr als 25 Jahre Erfahrung als Journalist, PR- und Unternehmens-Berater zurückblicken, ist Lehrbeauftragter für Journalismus und PR an österreichischen Universitäten und Experte für Medien und Wissenschafts-Kommunikation. || fz@franzzuckriegl.com

 

Wolfgang Skerget begann als Journalist, war dann PR-Unternehmer und ist seit mehr als 25 Jahren bei der Stadt Graz beschäftigt - zuerst in der Öffentlichkeitsarbeit, dann 17 Jahre im Stadtratsbüro (bei Helmut Strobl und Gerhard Rüsch). Seit Sommer 2015 leitet Skerget die neu geschaffene Koordinationsstelle „City of Design". || wolfgang.skerget@stadt.graz.at

 

Im März 2011 wurde Graz von der UNESCO der Titel „City of Design" verliehen und Graz damit auch in das UNESCO-„Creative Cities Network" aufgenommen. Damit zählt die Stadt offiziell zu den besonders zukunftsorientierten Orten und Metropolen. Lediglich 39 weitere Städte weltweit dürfen sich „City of Design" nennen, unter ihnen Berlin, Montreal oder Buenos Aires. „City of Design" ist eine gelebte Haltung und Ausdruck einer urbanen Kultur, die eine bewusste Gestaltung von Lebensraum als zentralen Wert sieht. 

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WissenschaftlerInnen zu den Themen Design & Kreativität - Kurzversion

„Man muss ein Rockstar sein, um zu überzeugen!"

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu den Themen Design & Kreativität

Die Kreativwirtschaft wird nicht nur von den Kunstschaffenden und Designern einer Region geprägt, sondern ganz wesentlich auch von Wissenschaftlern und Forschern an den Universitäten und in den Unternehmen. Im Folgenden ausgewählte Zitate aus acht Interviews mit in Graz tätigen Spitzenforschern zu den Themen Design & Kreativität:  

„Ich sage meinen Kollegen am RCPE und am Institut der TU immer: ‚Man muss ein Rockstar sein, um zu überzeugen!‘ Wenn ich heute einen Vortrag halte, fühle ich mich immer noch wie früher als Drummer auf der Bühne. Der Funke muss fliegen - in der Musik wie beim Vortrag wie beim Schreiben eines wissenschaftlichen Papers."     

Welche Gemeinsamkeiten gibt es denn noch im kreativen Prozess als Wissenschaftler, Manager und Musiker?   

„Schönheit und Harmonie."  

Als ästhetische Bearbeitung und Qualität dessen, was man macht...

„Ja, genau. Unterschiedliche Stimmen müssen zusammenpassen, die Präsentation muss mitreißen. Wir haben am RCPE einige Kolleginnen und Kollegen, die diesen ‚Wow-Effekt‘ erzeugen können. Das können Tiroler, Nepalesen oder Chinesen gleichermaßen." 

„Wir alle müssen uns bemühen, dass dieser Standort mit seiner im internationalen Vergleich außergewöhnlichen Lebensqualität so erhalten bleibt. Zustände wie in Griechenland oder Portugal stellen sich schneller ein, als man denkt. Mir ist auch wichtig, dass man speziell den jungen Menschen klar macht, dass Sie sich selbständig machen können, dass sie Unternehmen gründen können, um Ideen umzusetzen."

Prof. Johannes Khinast, Head of the Institute of Process and Particle Engineering, TU Graz // Scientific Director Research Center Pharmaceutical Engineering (RCPE)  

 

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„Auch deutsche Städte wie Göttingen oder Marburg definieren sich wesentlich über ihre Universitäten und sind stolz darauf. Das erlebe ich in Graz weniger. Dabei hat Graz das Potenzial, ein Oxford oder Stanford zu werden.

Warum sind fast alle der großen renommierten Universitäten in kleinen Städten? Das hat einen Grund: Hier kann die Bevölkerung die Universität mittragen. Es sind schöne Orte zum Leben und man braucht Lebensqualität, um Innovationen entstehen lassen zu können. Die US-Amerikaner, die Engländer und die Deutschen haben das verstanden; wir Österreicher tun uns damit allerdings immer noch ein bissl schwer."

Prof. Wolfgang Graier, Chair, Institute of Molecular Biology and Biochemistry, Medical University of Graz // Head, NIKON-Center of Excellence for Super-resolution Microscopy: Cells & Organelles  

 

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„Ich habe auch das Gefühl, dass in Graz die Familie einen hohen Stellenwert genießt. Man muss sich nicht schämen dafür, wenn man am Telefon sagt, dass man keine Zeit hat, weil man gerade am Spielplatz ist. Diese Freiräume schafft und nimmt sich hier jeder, und das finde ich sehr gut - und es befördert natürlich die Kreativität."

„Grundlagenforschung an sich ist eine kreative Arbeit. Meine Strategie, um zu neuen Forschungsthemen zu kommen, ist: Themen verbinden, die noch nicht verbunden waren. Ich selber komme aus der mikrobiellen Ökologie - viele Methoden aus diesem Bereich gibt es in der Medizin nicht. Ich bringe nun diese Methoden in die Medizin und verbinde damit etwas, was vorher noch nicht verbunden war. Man muss über den Tellerrand hinaus blicken."

Prof. Christine Moissl-Eichinger, Professor for Interactive Microbiome Research, Medical University of Graz  

 

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„Es gibt in Graz wenig Angebote für Menschen, die keine Studenten sind und keine Familie haben oder planen. Wo sind die Leute um die 30 - sind die alle kaserniert in Gleisdorf? Wo sind in Graz die Bobos anzutreffen? Es fehlt offenbar auch das Angebot für diese Menschen. Für die Studenten gibt es viele Angebote. Für Ältere gibt es nicht einmal ordentliche Bars. An richtigen ‚Campus-Cities‘ ist das übrigens anders - dort werden alle als Teil des Kollektivs verstanden, die Studenten wie die Professoren, und da ist dann das Angebot entsprechend. Wenn ich das mit Utrecht, einer vergleichbar großen Universitätsstadt in den Niederlanden vergleiche - da ist am Wochenende die Hölle los...

In Graz habe ich oft das Gefühl, dass sich die Einheimischen, die ja schon immer da waren und einander schon ewig kennen, mit der eigenen Gemütlichkeit zufrieden geben. Und ich mag‘s eben nicht gemütlich, was natürlich auch an meinem Naturell liegt."

Prof. Veronika Schöpf, Professor for Neuroimaging, University of Graz  

 

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„Wenn ich ‚City of Design‘ höre, denke ich natürlich automatisch an Designer, vielleicht noch an Architekten, aber nicht an Wissenschaftler. Wenn Sie ‚City of Creativity‘ gesagt hätten, dann würde jeder ernstzunehmende Naturwissenschaftler - und auch die wenigen Geisteswissenschaftler, die ich gut kenne - sagen, dass sie natürlich auch kreativ sein müssen. Mit der ‚City of Design‘ verbindet der Durchschnittsbürger vielleicht ein paar Buchstaben, die in der Stadt herumstehen und auf die man sich setzen kann, darüber hinaus hat man aber nichts damit zu tun. Vielleicht ist ‚Design‘ nur eine Unterabteilung von ‚Creativity‘. Wenn man die Spitzenforscher einbinden will, muss man wahrscheinlich den Begriff etwas erweitern."

Prof. Wolfgang Baumjohann, Director Space Research Institute / IWF, Austrian Academy of Sciences / OeAW  

 

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„Was mir ein wenig fehlt, ist das Verweben von Stadt und Wissenschaft. Als ‚zugereiste Deutsche‘ bringe ich natürlich nicht die Altkontakte der Einheimischen mit. Wenn man neu hierherkommt - das ist aber wahrscheinlich nicht Graz-spezifisch - müssen die Netzwerke erst wachsen. Und vieles geht in Österreich, noch stärker als in Deutschland, über diese Netzwerke, und nicht über die offiziellen Kanäle."

„Wenn ich Graz zum Beispiel mit Bonn, der Geburtsstadt Beethovens, vergleiche, fällt mir sofort auf, dass Graz eine sehr musikalische Stadt mit tollem Angebot ist. Das Kontrastprogramm von alter Architektur und Moderne, der alten Innenstadt und dem Kunsthaus, ist auch typisch. Das Opern- und Theaterangebot ist für eine Stadt dieser Größe erstklassig, ebenso die Musikschulausbildung für die Kinder."

Dr. Eva Eggeling, Head of Business Unit Visual Computing, Fraunhofer Austria Research GmbH  

 

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„Wissenschaft ist der Objektivität bei der Wissenserschließung verpflichtet. Kunst beschäftigt sich mit subjektiver Erschließung ästhetischer Fragen. Rationalität steht da manchmal Emotionalität gegenüber. Als Künstler oder Künstlerin braucht man aber diesen Freiraum. Die wissenschaftlichen Aufgaben nehmen im Studium manchmal so überhand, dass die Studierenden zu wenig Zeit für ihre künstlerische Ausbildung haben. Auch das Unterrichten ist nicht nur praktisch künstlerisch zu betrachten, sondern ist auch Wissenschaft, weil es analytisches Denken fordert: Wie vermittle ich was bei welchem Schüler auf welche Weise? Hier muss analytisch gedacht werden, was aber erst dann möglich wird, wenn ich künstlerisch weit genug bin."

„Es ist ja ganz grundsätzlich so, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Fachrichtungen musikalisch interessiert sind. Das verbindet."

Prof. Ayami Ikeba, Vorstand des Institutes für Klavier an der Kunstuniversität Graz

 

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„Man braucht viel mehr Dynamik als jene, die sich die Universitäten derzeit leisten können; die Finanzierung stagniert. Es gelingt uns kaum, neue junge Leute zu bekommen, es fehlt ein ‚natürlicher Wechsel‘ und Personal-Dynamik. Wir haben in Österreich keine ‚Verabschiedungskultur‘, wenn die Forschungsleistung nicht passt. Wir tun uns einfach schwer in der Qualitätsfeststellung. Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften funktioniert im Grunde wie der Sport: Die besten Wissenschaftler sind jene, die wirklich wichtige Erkenntnisse schaffen. In der Kunst ist das ganz ähnlich - nur die wirklich großen Künstler bringen die Kultur eines Landes weiter."

„Der Standort hat natürlich auch Vorteile. Ich selbst hatte durch ausreichende Drittmitteleinwerbung immer genug Geld, um Forschung auf internationalem Niveau betreiben zu können. Und die Lebensqualität in dieser Stadt ist großartig. Jeder, der einmal hierhergekommen ist, bleibt auch gerne hier. Ich kann diesbezüglich nur Professor Kratky, den ehemaligen FWF-Präsidenten zitieren, der einstens die zwei ‚S‘ definierte, die für das Bleiben in Graz verantwortlich sind: Sex und/oder Sentimentalität. Entweder hat man eine/ einen Partner/in, die/der sagt: ‚Ich gehe da nicht mehr weg!‘, oder die eigenen sentimentalen Lebenserinnerungen lassen einen hierbleiben."

Prof. Rudolf Zechner, Professor of Biochemistry at the Institute of Molecular Biosciences at the University of Graz // Director BioTechMed-Graz

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